1. Zeugnis einer Kultur
Die Juden, der jüdischer Glaube, die jüdischen Gemeinden bildeten über
Jahrtausende hinweg einen integralen Bestandteil der Kulturgeschichte, auch der
europäischen. Ihr Status in der Geschichte schwankt von Jahrhundert zu Jahrhundert, sogar
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt: Geachtet, geduldet, vertrieben, ermordet und wieder
zurückgeholt. Wenn es die Umständen erlaubten, leisteten sie ihren Beitrag zur
kulturellen Entwicklung, zur Kultur- und zur Wirtschaftsgeschichte der Staaten, in der sie
lebten. Vor allem aber entwickelten sie eine eigene religiöse und soziale Kultur.So alt das Judentum ist, so alt sind auch Anfeindung und Vertreibung, so alt
aber auch die noch heute geltenden Gesetze und Bräuche des jüdischen Lebens:
Gesellschaftliche Spielregeln ebenso wie hygienische und kultische Vorschriften. Auf der
Bibel fußend sind es die Traditionen der biblischen und nachbiblischen Zeit, die das
Judentum geformt haben. Aus mündlichen Überlieferungen wurden Schriften, vor allem der
Talmud, der im 5. Jahrhundert nach Christi niedergeschrieben wurde.Neben den wenigen Synagogen, die all die Stürme, Hetzkampagnen und
schließlich auch die sogenannte "Reichskristallnacht" ebten.Friedhöfe als Bestattungsorte einer jüdischen Gemeinde hat es in biblischer
Zeit nicht gegeben. Sie entwickelten sich erst später. Dagegen existierten schon immer
Familiengräber. Es gab stets das Bestreben, mit den Vätern bzw. den Vorfahren im Tode
vereint zu sein. Als Bestattungsform ist seit ältesten Zeiten die Erdbestattung üblich.
Sie steht im direkten Zusammenhang mit dem Glauben an die körperlich aufgefaßte
Auferstehung. Verbrennungen kamen nur in Pestzeiten vor. Selbst während der Phase der
"Hochemanzipation" es bestehenden oder die Anlage eines eigenen
Friedhofs. Nach den Geboten der Halacha, der Sammlung von religiösen Ge- und Verboten
des Judentums, gehört jedem Toten der Boden auf ewig, in dem er begraben ist. Die Ehre
der Toten, die wehrlos sind, ist ein religiös-ethisches Gebot. Beschäftigt man sich mit
den Grundlagen des Judentums, so wird einem schnell deutlich, wie sehr jedes Antasten
eines Grabes, jedes Handanlegen an Grabsteine oder Friedhofsanlagen die Juden als
Schändung, als Stören der unantastbaren Totenruhe empören muß. Dabei ist es zunächst
gar nicht ausschlaggebend, ob dies ein Dummer-Jungen-Streich ist oder mehr. Ist es aber
eine bösartige Verwüstung, so muß im Geiste jedes jüdischen Bürgers die Erinnerung an
die ganze Geschichte seiner Vorfahren und natürlich vor allem an die Greueltaten des
Naziregimes auferstehen. An diese so schmerzliche Zeit wird er aber auch erinnert, wenn er
vor einem ungepflegten Friedhof steht; wird ihm dort doch bewußt, daß es keine oder kaum
Nachkommen der hier bestatteten Toten gibt, die die Einhaltung der Totenruhe ebenso
gewährleisten wie die Pflege der Friedhofsanlage. Ein jeder der einen Friedhof betritt,
sollte sich vergegenwärtigen, daß der Ort, den er betritt, heiliger Boden ist. Von einem
männlichen Besucher wird daher erwartet, daß er, wie in der Synagoge, eine Kopfbedeckung
trägt.Auf sehr alten jüdischen Friedhofsanlagen, wie z.B. den Gräbern im
Kidrontal bei Jerusalem oder einzelnen Gräbern auf dem alten Prager Judenfriedhof, aber
auch bei heute noch genutzten Anlagen bestehender jüdischer Gemeinden, wird die gesamte
Fläche des Grabes durch einen liegenden Grabstein gekennzeichnet, um den stark
verunreinigten Raum abzugrenzen. Insbesondere gilt dies für die Priester (Kohanim), d.h.
Nachkommen des Aaron, die besonders starken Reinheitsvorschriften unterworfen sind. Im
Mittelalter zeigt sich, wohl auch durch die enge und bedrängte Situation der Judenstädte
bedingt, der Trend, Grabsteine wie auf christlichen Friedhöfen senkrecht zu stellen. Da
Friedhöfe ebenfalls aufgrund des Platzmangels oft mehrmals belegt werden mußten, was
aber wiederum aufgrund talmudischer Bestimmungen nur mit einer Zwischenschicht von ca. 1 m
Erde möglich war, ergibt sich dann das uns heutigen, nichtjüdischen Betrachtern meist
seltsam anmutende wirre Bild jüdischer Friedhöfe. Erst im 19. Jahrhundert, nach
Emanzipation und Säkularisierung des Judentums in Mitteleuropa, finden wir Friedhöfe,
die den zeitgleich entstandenen christlichen und kommunalen im wesentlichen entsprechen.
2. Die Ausbildung einer öffentlichen Begräbnisstätte
Vor dem Entstehen von öffentlichen Friedhöfen gab es bereits
Familiengräber. Die Bestattungen fanden meist in Höhlen und unterirdischen Grotten
statt. Manchmal wurden diese auch künstlich in die Felsen geschlagen. Die als Grabkammern
dienenden Höhlen und Grotten waren oftmals in verschiedene Räume eingeteilt, die Nischen
für die Toten enthielten. Die Grabstätten wurden einerseits waagerecht in mehreren
Reihen übereinander in die Felsen gehauen oder senkrecht in den Felsboden. Man
unterscheidet demnach Schiebegräber von Senkgräbern. Daneben gab es Bankgräber, bei
denen die Toten auf bankartigen Erhöhungen zur Ruhe kamen. Die Nischen und Eingänge zu
den Grotten wurden durch Steine verschlossen, die durch einen steinernen Riegel gehalten
wurden. Damit sollten Grabräuber, aber auch Tiere ferngehalten werden; auch wollte man
Ansteckungen durch Leichengifte ausschließen. Daneben spielte sicherlich auch die Angst
vor Geister und Dämonen eine Rolle.Ein solches Familiengrab war jedoch eine teure Angelegenheit. Der Boden
mußte gekauft, die Grabkammern hergerichtet werden. Arme und Fremde konnten sich dies
alles nicht leisten. Da es aber heilige Pflicht ist, die Toten zu begraben, muß es schon
frühzeitig öffentliche Begräbnisplätze gegeben haben. Dies sind wahrscheinlich die
"Gräber der Söhne des Volkes" die der Prophet Jeremia (26,23) erwähnt. In
Jerusalem gab es sie im Kidrontal (II Könige 23,6). Daneben muß es auch Grabstätten
für Hingerichtete gegeben haben, da sie nicht in Familiengruften begraben werden konnten
(I Könige 13,22; Jesaja 53,9). Diese "öffentlichen" Begräbnisplätze sind die
eigentlichen Vorläufer unserer jüdischen Friedhöfe.Beeinflußt durch das babylonische Exil entwickelten sich auch im
Bestattungswesen bald neue Wege. Es gab die sehr alte Tradition, daß der Jude im heiligen
Land seine letzte Ruhe finden sollte. Bis zum heutigen Tag ist es die traditionelle
Überzeugung, daß man entweder auf seine alten Tage nach Erez Israel auswandert, um dort
zu sterben, oder aber seine Gebeine dorthin überführen läßt. Vielfach wird dem Toten
stattdessen nur ein Säckchen mit Erde aus Israel in den Sarg gelegt. Um die hohen
Überführungskosten zu senken und mögliche Gefährdungen beim Transport einer Leiche
auszuschließen, begrub man die Toten zunächst am angestammten Wohnsitz. Nach der
Verwesung der Leiche wurden die Gebeine ausgegraben, gereinigt und so nach Israel
gebracht, um zur letzten Ruhe gebettet zu werden.Mit der Zeit wurden auch diese Überführungen in das Land Israel immer
schwieriger, doch die Sehnsuch in heiliger Erde begraben zu werden blieb unverändert
stark. Schließlich wußte man sich zu helfen: Die Juden glaubten, daß die in der
Diaspora gestorbenen künftig auf unterirdischen Wegen in das Land Israel kommen werden
(Midrasch Tanchuma Wajechi 3). Gott schafft solche Gänge, um die in der Diaspora
Weilenden nicht zu benachteiligen. Nun konnten auch außerhalb des Gelobten Landes
Friedhöfe angelegt werden.Die ältesten jüdischen Friedhöfe in Europa sind sicherlich die
Katakombengräber in Italien. Sie führen aber in gewisser Weise die Tradition der
Höhlengräber fort, auch wenn sie nicht als Familiengräber angelegt sind. Die erste
jüdische Katakombe in Rom wurde bereits 1602 vor der Porta Portese am Monte Verde
entdeckt, dann war sie verschüttet und ist erst im 20. Jahrhundert wieder gefunden
worden. Obwohl weitere Katakomben entdeckt wurden, ruhen wahrscheinlich noch viele
unentdeckt unter der Erde.Das jüdische Bestattungswesen im Mittelalter ist weitgehend unbekannt. Der
Prager Friedhof stammt frühestens aus dem 9. Jahrhundert. In Mainz fand man Grabsteine
eines vielleicht schon 1013 angelegten Friedhofs. In Speyer erhielten die Juden, die dort
1084 von Bischof Rüdiger Wohnrechte zugesprochen bekamen, vom Bischof auch einen Friedhof
zur Verfügung gestellt, der ihnen auf immer gehören sollte. Der Wormser Friedhof wurde
1076/77 errichtet, der älteste Grabstein dort stammt aus dem Jahr 1113. Auch in Ulm gibt
es einen Friedhof, der ins 13. Jahrhundert zurückgeht. Viele andere Friedhöfe aus dem
Mittelalter sind verschwunden. Sie wurden Opfer der Pogrome, die immer wieder die
jüdischen Gemeinden heimsuchten, wie z.B. während der Zeit der Kreuzzüge und der
Pestjahre zwischen 1345 und 1350. In diesen Jahren fielen auch die bereits bestehenden
jüdischen Friedhöfe Westfalens der Zerstörungswut anheim.Als vom 16. und 17. Jahrhundert an viele Juden sich auch in den Städten
niederlassen konnten, entstanden dort neue Friedhöfe. Von ihnen sind einige noch heute
erhalten.Friedhofszerstörungen und Vandalismus haben nicht nur im Mittelalter und zur
Zeit des Nationalsozialismus die Gräber bedroht, sondern zu allen Zeiten bis zum heutigen
Tag. Wenn es in früherer Zeit religiöse Motive waren, so gab es in den zwanziger Jahren
dieses Jahrhunderts bereits Vandalismus aus politischen Gründen. Daran hat sich bis heute
nichts geändert.
3. Der Friedhof hat in der jüdischen Tradition mehrere Namen
Zu den ersten Einrichtungen, die eine jüdische Gemeinde schaffen möchte,
gehört die Anlage eines Friedhofs; denn die würdige Bestattung und die dauerhafte Ruhe
der Toten zählt seit biblischen Zeiten zu den geradezu selbstverständlich gewordenen
Geboten des menschlichen Zusammenlebens.Die jüdische Kultur kennt für den Friedhof mehrere Namen: Der Ausdruck Beth
ha qewaroth (angelehnt an Nehemia 2,3), das Haus der Gräber, leitet sich von "Kewer
awot" wörtlich Grabstätte der Eltern, ab. Hier wird das Gefühl wachgerufen, das
über Generationen all jene berührt hat, die - zur Auswanderung gezwungen - sich zum
letzten Mal auf dem Friedhof versammelten, um von den Gräbern, die sie zurücklassen
mußten, Abs"hied zu nehmen. Und zu den "Kewer
awot Jahrzeit Hebräisch/aramäisch heißt der Friedhof Beth olam, das ewige
Haus oder das Haus der Ewigkeit (angelehnt an Koheleth 12,8). Hiermit wird sowohl die
Dauer der Ruhe als auch die Erwartung von Ewigkeit angedeutet. Der Ausdruck Beth ha
chaijm, das Haus der Lebenden (angelehnt an Hiob 30,23: "Denn ich weiß, du wirst
mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendigen zusammenkommen" vermeidet
beschönigend die Nennung des Todes und weist auf die Auferstehungs- und Lebenshoffnung
hin. Der lebendige Gott ist "kein Gott der Toten" sondern vermag die Toten
wieder zu beleben."Aus dem Jiddischen ist der Ausdruck "Getort" eine
Abwandlung von "der gute Ort Der Talmud erwähnt öfter den Beth ha qewaroth, der den Charakter eines
öffentlichen Friedhofs hatte. Vermutlich gab es neben dieser verbreiteten Art des
Friedhofs auch Einzel- und Familiengräber.
4. Der Friedhof im Lauf der Geschichte
Im Laufe der Geschichte durften Juden in der Diaspora keinen Grundbesitz
innehaben bzw. erwerben, daher wurde der öffentliche Friedhof der übliche
Bestattungsort. Der Erwerb von Boden für einen jüdischen Friedhof war immer mit
Schwierigkeiten verbunden. Oft war es notwendig, dafür lange zu kämpfen. So besaßen
viele jüdische Gemeinden keinen eigenen Friedhof und mußten ihre Toten bei benachbarten
Gemeinden bestatten. Der Friedhof der Gemeinde Regensburg diente anfänglich der gesamten
Region Oberpfalz und Niederbayern - man kann sich die Dauer und die Mühen eines
Transportes zur Beerdigung vorstellen. Für die Rheinlande und Westfalen hatte der Kölner
Friedhof vermutlich bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts die Funktion einer zentralen
Begräbnisstätte.Die zentrale Idee "Ruhen in Frieden" der Glaube an die Auferstehung
und die daraus hergeleitete Notwendigkeit des ewigen Ruherechtes veranlaßten die
jüdischen Gemeinden, das Friedhofsgelände für die Ewigkeit und nicht auf Zeit begrenzt
zu erwerben. Deswegen konnte häufig nur unzugängliches"Gelände, das für eine
anderweitige Nutzung nicht geeignet bzw. interessant schien, erworben werden.Bei Notfällen, wie der Enteignung des Friedhofsgeländes, wurden die Gebeine
und die Grabsteine an eine andere Stelle überführt. Wo Friedhöfe verschwunden sind,
geschah dies immer nur dann, wenn keine Gemeinde zurückgeblieben war.Die ältesten Friedhöfe Europas stammen aus dem Mittelalter und befinden
sich in Prag, Worms, Mainz, Köln und Ulm. Alle anderen mittelalterlichen Friedhöfe sind
verschwunden; sie sind, wie so viele jüdischen Gemeinden, das Opfer der gegen die Juden
gerichteten Verfolgung geworden.Den mittelalterlichen Friedhöfen war gemeinsam, daß sie außerhalb der
Stadtmauern lagen, während sich die christlichen überwiegend in unmittelbarer Nähe der
Kirchen befanden. Zum einen verlangte jüdisches Recht die Anlage des Friedhofs außerhalb
der Mauern, zum anderen kam darin die seit Jahrhunderten, vor allem seit den Kreuzzügen
und den Pestjahren latent vorhandene Judenfeindschaft zum Ausdruck. Die Juden des
Mittelalters mußten noch dankbar sein, wenn sie einen Begräbnisplatz im Stadtgraben
erhielten.Wenn im Mittelalter eine Stadt die in ihren Mauern lebenden Juden vertrieb,
weil sie nicht länger gebraucht wurden oder weil sie am wirtschaftlichen Niedergang
schuldig schienen, verfiel ihr gesamter Besitz den Städtern oder anderen sich darum
streitenden Herren. Die Häuser wurden konfisziert, die Synagogen abgerissen oder zu
Kirchen umgewandelt. Die Friedhöfe ebnete man ein und verwendete die Grabsteine als
Baumaterial. So bestehen noch heute manche Bürgerhäuser der Regensburger Altstadt aus
einigen jener 5000 Steine, die 1519 vom Friedhof entwendet wurden. Keine neunzig davon
sind heute noch bekannt oder vorhanden. Auch aus anderen Städten sind solche Vorkommnisse
bekannt, wo, dank der Zweckentfremdung, mittelalterliche Grabsteine in die heutige Zeit
gerettet werden konnten. So war ein Teil des mittelalterlichen Kölner Friedhofs in
Schloß Lechenich am Niederrhein verbaut, ein anderer Teil trägt den Turmhelm der Burg
Hülcherath zwischen Neuß und Grevenbroich. Diese Steine sind der Forschung bis heute
kaum zugänglich.Auch das älteste noch erhaltene Grabsteinfragment Westfalens ist auf gleiche
Art und Weise erhalten geblieben. Es ist auf den 25. Tamus 5084, d.i. der 18. Juli 1324
datiert. Bei Bauarbeiten im unteren Teil des Kirchturms der Lambertikirche in Münster
fand man 1887 einige Steine, die als jüdische Grabsteine identifiziert wurden. Sie
stammten vom ersten jüdischen Friedhof. Die jüdische Gemeinde von Münster und auch ihr
Friedhof fielen den großen Pogromen in der Zeit des "Schwarzen Todes" der Pest,
um 1350 zum Opfer. Die in der Lambertikirche gefundenen Steine wurden später im
Landesmuseum für Kunst und Kultur aufbewahrt, wo während des Zweiten Weltkriegs fast
alle Steine bei Bombenangriffen zerstört wurden. Ein einziges Fragment ist erhälten
geblieben und steht seit vielen Jahren auf dem um 1811 angelegten neuen jüdischen
Friedhof.Das 20. Jahrhundert brachte mit der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten
die totale Entrechtung, Verjagung, Deportation und Ermordung der deutschen und meisten
mitteleuropäischen Juden. Mit bisher nicht gekannter Radikalität und Totalität wurden
die Menschen beraubt und ermordet. Die Friedhöfe blieben zunächst vielfach unbehelligt.
Erst als die Menschen "abgewandert worden waren" wie es manchmal hieß, traten
die Friedhöfe in den Blick der Verwaltungen und drohten eingeebnet zu werden. Hätte das
NS-Regime nur einige Jahre länger bestanden, gäbe es heute wahrscheinlich keine
jüdischen Friedhöfe mehr. So sind zwar viele Friedhöfe der nationalsozialistischen
Zerstörungswut zum Opfer gefallen, kaum ein Friedhof ist gänzlich unangetastet
geblieben, doch Schändungen gab es hundertfach vor 1933 und gibt es hundertfach seit
1945. Anders als im Mittelalter haben immerhin nach Schätzungen ca. 1600 Friedhöfe, mehr
oder weniger stark beschädigt, jene Jahre überstanden.Seit Mitte der fünfziger Jahre werden die jüdischen Friedhöfe nun
offiziell geschützt. Ihre Pflege durch Kommunen und Länder ist gesetzlich geregelt. Doch
zuweilen nützt auch dieser Schutz nichts, wenn die Pflege zu "gut etliche und
gut arrangierte Aufstellung. Die meisten Friedhöfe zeigen uns daher nicht mehr ihren
ursprünglichen Zustand. Auch tragen viele Steine Inschriftenplatten, die bei der
Wiederherstellung als Ersatz für zerstörte angebracht wurden, mit z.T. anonymen
Inschriften (wie "Hier ruht ein jüdischer Mensch"."Inzwischen werden viele Friedhöfe nicht mehr als unangenehme Erinnerung, als
"Altlast die Friedhöfe auch heute noch ihre Funktion. Sie sind die Ruhestätten
der Toten. Sie sind "lebendige am Ende der Tage Vor der Vernichtung des jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten gab
es vielfach getrennte Friedhöfe für die einzelnen Strömungen im Judentum: für
Orthodoxe oder für Liberale. Die wenigen Überlebenden des Dritten Reichs fanden sich
nach 1945 ungeachtet ihres religiösen Standorts zusammen und bildeten, wegen ihrer
geringen Zahl, sogenannte Einheitsgemeinden. Entsprechend werden die heutigen Friedhöfe
von allen religiösen Richtungen genutzt.
5. Die äußere Gestaltung des Friedhofs
Dem Betrachter bietet sich auf den älteren, vor der Mitte des 19.
Jahrhunderts entstandenen Friedhöfen das unverkennbare Bild unregelmäßig-regelmäßiger
Reihen von sich zu allen Seiten hinneigenden Grabsteinen. Da die älteren keine Sockel
haben, versinken sie allmählich in der Erde. Ihre Formen leiten sich meist von nur
wenigen Grundmustern ab, wobei die Steine immer höher als breit sind.Auf den christlichen resp. nichtjüdischen Besucher wirken jüdische
Friedhöfe, sofern sie noch in Gebrauch sind, oft sehr ungepflegt. Da der Friedhof die
Vergänglichkeit des Menschen symbolisieren soll, läßt man der Natur freien Lauf. Die
vielen aufgegebenen Friedhöfe werden heute meist von den kommunalen Verwaltungen
gepflegt. Sie sind der Einfachheit wegen mit Rasen eingesät. Die jüdische Vorstellung
weicht von der hierzulande üblichen Vorstellung über Grabpflege ab. So wird man selten
Blumenschmuck finden. Das einzelne Grab und der Friedhof wird vielmehr als Teil der
Landschaft, allerdings als durchaus gepflegter Teil empfunden. Zur Abwehr möglicher
Störungen der Totenruhe muß der Friedhof umschlossen, das Tor abschließbar sein. Die
Schließung des Friedhofs am Schabbat und an Feiertagen ist religiöses Gebot, da diese
Tage der Freude und nicht der Trauer verpflichtet sind.Der Friedhof muß, damit er eine würdige Stätte der Toten darstellt, in
seiner Gesamtheit gepflegt werden. Mauern oder Zäune, Tore, Wege und Einfassungen müssen
unterhalten, Hecken und Bäume können gestutzt werden. Als religiöse Grundvorstellung
ist beachtenswert, daß es den Lebenden untersagt ist, einen irgendwie gearteten Nutzen
aus dem Grabbereich bzw. dem gesamten Friedhof zu gewinnen. Daher dürfen auf einem
Friedhof gefällte Bäume nicht kommerziell verwendet werden; es werden lediglich
abgestorbene Bäume entfernt.Eine weitere biblische Vorschrift ist, daß der Gerechte nicht neben dem
Sünder begraben werden darf ("Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei
Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug
in seinem Munde gewesen ist" Jesaja 53,9. "Die holten ihn aus Ägypten und
brachten ihn zum König Jojakim. Der ließ ihn mit dem Schwert töten und ließ seinen
Leichnam unter dem niederen Volk begraben" Jeremia 26,23). Man findet daher auf
einigen Friedhöfen Ehrenreihen für bedeutende Persönlichkeiten eingerichtet, so z.B.
auf dem Friedhof Berlin-Weißensee. Auch schon der altehrwürdige Friedhof in Worms hat
eine eigene Rabbinerabteilung. Andererseits w"rden Kriminelle und Selbstmörder oft
an der Mauer beigesetzt, wo sie keinen stören konnten. Diese Praxis ist übrigens auch
von den christlichen Friedhöfen bekannt. Bei Selbstmördern entscheiden heute viele
Rabbiner erleichternd, indem sie den Suizid als Folge einer unverschuldeten psychischen
Erkrankung ansehen. Der Tote und die Angehörigen sollten für diese Erkrankung nicht
bestraft werden.Nach uralten Vorstellungen, die schon vorbiblisch sein müssen, verunreinigen
sich die Lebenden bei der Berührung von und im Umgang mit Toten. Vor allem für die
Priester, die Kohanim, und deren Angehörige gelten hier besonders strenge
Reinigungsvorschriften. Sie dürfen keinen Leichnam berühren und sich nur mit den Toten
aus der engsten Verwandtschaft befassen. Daher werden Priester oft am Eingang begraben, um
den Angehörigen die Möglichkeit zu geben, das Grab zu besuchen, ohne mit den anderen
Gräbern in Berührung zu kommen.Die Toten werden in Reihen begraben. Es gibt aber keine überall gültige
Tradition, in welcher Richtung der Tote zu begraben ist. Fast jeder Friedhof hatte ein
eigenes kleines Gebäude für die Waschung der Toten. Das Bedürfnis, Verwandte und
Verheiratete zusammenzubetten ist nicht neu. Es besteht länger als der seit der frühen
Neuzeit bekannte Brauch, die Toten weniger nach der zeitlichen Abfolge der Todesdaten,
sondern eher gemäß ihrer eigenen familiären Zusammengehörigkeit zu beerdigen. Doch
lassen sich hier kaum feste Regeln allerorten finden.Auch das Verhältnis der Juden zur bildenden Kunst wird auf den Friedhöfen
deutlich. Vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich die Merkmale der
Grabsteingestaltung nur geringfügig verändert. Die zu Beginn des Jahrhunderts
einsetzenden politischen Zeitströmungen - Emanzipation und Assimilation - wandelten auch
das Selbstverständnis des Judentums und führten aus der Jahrhunderte langen Isolation
heraus. Die alte jüdische Friedhofskunst wurde vor allem in städtisch geprägten
Gemeinden durch Tendenzen aus dem Bereich der bildenden Kunst und durch das
Selbstdarstellungsbedürfnis der bürgerlichen Schichten nahezu völlig verdrängt. Im 19.
Jahrhundert will man, und das gilt gleichermaßen für die christliche Gesellschaft, die
Erfolge seines Lebens auch nach dem Tode zur Schau stellen. Wenn es nicht mehr auf ein
ewiges Leben ankommt, bedarf es des Grabsteins zur Fixierung des vergangenen Lebens. Nach
einem übertriebenen Repräsentationsbedürfnis kehrt nach einigen Jahrzehnten wieder Ruhe
und Ausgeglichenheit in die formale Gestaltung ein. Die lange als Grabstein vorherrschend gewesene sogenannte sumerische Stele,
ein aufrecht stehender, rechteckig behauender Stein mit halbkreisförmigem oberen
Abschluß, geriet besonders dort, wo sich liberal-religiöse Auffassungen entwickeln
konnten, zunehmend in Vergessenheit. An ihre Stelle traten Grabdenkmäler, die durch die
nichtjüdische bürgerliche Umwelt geprägt, ganz in Einklang standen mit dem jeweiligen
Zeitgeschmack.Auch bei den für die Herstellung von Grabmälern üblichen Materialien
ergaben sich Veränderungen. Hatte man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich
Sandsteine verschiedener Qualitäten verwendet, wurden ab dieser Zeit auch andere Steine
verarbeitet, darunter hauptsächlich polierter Granit zur Herstellung von Obelisken und
Säulen sowie Marmor, häufig als kleine beschriftete Tafeln in die Grabsteine
eingelassen; aber auch sogenannte Kunststeine, z.B. Beton und Zementguß, fanden
Verwendung.Während die bildliche Darstellung des Toten auf seinem Grabe eine lange
Tradition in der europäischen Bestattungskultur hat, gilt für die Grabmäler der Juden
das im Dekalog ausgesprochene Verbot, die menschliche Gestalt abzubilden. Die christlichen
Denkmäler im 19. und frühen 20. Jahrhundert sind in vielfältiger Weise mit einem zum
Teil recht aufwendigen Skulpturenschmuck ausgestattet: Da gibt es Allegorien, Portraits
des Verstorbenen, Christusfiguren und Scharen von Engeln und Heiligen. Im Zuge der
Assimilierung wird sich auch auf jüdischen Friedhöfen vereinzelt über dieses Verbot
hinweggesetzt, allerdings nur in verschwindend geringer Zahl. Neben den Abbildungen der
Verstorbenen finden sich hier und da Reliefs mit Motiven der Antike (Abschiedsmotive),
aber auch figürliche Skuplturen. Eine interessante Besonderheit weist der Friedhof
Berlin-Weissensee auf. An einzelnen Gräbern finden sich plastische, emaillierte oder
fotographische Bildnisse des Verstorbenen. Als Konzession an das traditionelle Bildverbot
waren die meisten Portraits mit einem Deckel verschlossen, dessen Scharniere noch
erkennbar sind. Wahrscheinlich wurde der Verschluß nur vorübergehend bei den
Grabbesuchen von Verwandten und Freunden geöffnet.Ein spezifisch jüdischer Brauch, der sich bis heute auf allen jüdischen
Friedhöfen beobachten läßt, ist die Ehrung des Toten durch ein vom Besucher auf den
Grabstein abgelegtes Steinchen. Noch immer fehlt eine belegbare Herleitung dieser
Gewohnheit, die jedenfalls nicht in den über 600 Geboten und Verhaltensregeln der
jüdischen Überlieferung enthalten ist und auch nicht in der Bibel angesprochen wird. Zur
Erklärung wird einmal auf die Bestattungspraktiken von Wüstenvölkern verwiesen, die
Steine auf die Gräber legten, um sie so vor dem Zugriff von wilden Tieren, Geiern oder
Schakalen zu schützen. Jeder, der an einem solchen Grab entlang kam, legte einige Steine
zum Schutz hinzu. Vielleicht handelt es sich auch um einen Brauch, der sich aus der
jüdischen Tradition einer möglichst schlichten Bestattung ableitet. Eine weitere
Erklärung ist, daß die einfachen jüdischen Gräber in biblischer Zeit aus einzelnen
aufeinandergeschichteten Steinen bestanden, bei deren Zusammenstellung Freunde und
Verwandte des Verstorbenen mithalfen.
6. Die Grabsteine
Die ältesten erhaltenen Grabsteine waren nur mit hebräischen Zeichen
versehen, die den Namen und das Datum der Errichtung überliefern. Zusätzliche Symbole
kamen in der Barockzeit auf, als die Grabsteine reicher und aufwendiger wurden.Die frühesten erhaltenen Grabsteine stammen aus dem 12. Jahrhundert. Sie
präsentiern sich in der Form eines Rechtecks, gelegentlich mediterraner Tradition
folgend, mit leicht angedeuteter Dachaufsattelung der Oberseite, mit einem unter Belassung
eines Rahmenbandes vertieften Schriftfeld, in das die hebräische Schrift wiederum
vertieft eingeschlagen war. In seltenen Fällen genügte eine Steinritzung zur Markierung
des Rahmens. Die Grabsteine zeigen also eine äußerst knappe, kunstlose Ausformung. Das
vertiefte Schriftfeld erscheint gelegentlich schon im 12. Jahrhundert nach oben
abgerundet, wenig später in der Form eines Halbkreises.Die obere halbrunde Rahmung des Schriftfeldes wird zur oberen halbrunden Form
des Steines entwickelt. Dieser Typus bleibt für alle folgenden Zeiten erhalten, zumindest
aber bis ins 19. Jahrhundert. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird der rundbogige Abschluß
im Ansatz symmetrisch eingezogen, so daß der Halbkreis gegenüber dem hochrechteckigen
Schriftfeld des Steines in Umriß und Rahmung akzentuiert erscheint. Dieses Halbkreisfeld
dient alsbald der Darstellung der verschiedenen Symbole. Es kann als Kreissegment oder als
gestelzter Halbkreis erscheinen.Diese oben rund ausgeformten Grabsteine wurden häufig als die
"romanischen elt es sich um schlichte, archetypische Formenbezüge. Der
Halbkreis ist das Abbild des Himmels über uns. Diese Form des Grabsteins verbindet den im
Erdreich liegenden Toten mit dem Himmel, in dem sein Gott wohnt. Sie ist Ausdruck einer
Endzeithoffnung.Zwar bleibt die Grundform des Grabsteins bis weit in das 19. Jahrhundert
hinein allgemein verbreitet, doch können auch hier bei der künstlerischen Gestaltung die
zeittypischen Strömungen festgehalten werden. Die noch im 16. Jahrhundert in knappem
bildhauerischen Relief im Gegensatz zur Schrift erhabenen Grabsymbole der Juden wurden im
18. Jahrhundert in der Vielfalt der Motive erweitert. Es tritt der Löwe hinzu, eine
Anspielung auf Juda, den Vater des wichtigsten israelitischen Stammes, den Jakob als Löwe
geschaut hatte. Jetzt wird die Krone als Zeichen des guten Namens dessen, zu dessen Haupt
und Ehre der Stein aufgestellt wurde, von einem gegenübersitzenden, aufgerichteten
Löwenpaar getragen. Es symbolisiert die Glaubensstärke.Der zunächst knappe Rahmen ist bei gleichbleibender Grundform des Steines
die einzige Ansatzmöglichkeit einer künstlerisch-bildhauerischen Gestaltung. Im 18.
Jahrhundert ist es das zeitgenössische Rocaillewerk mit plastischen Voluntenformen, das
einen reliefierenden Rahmenschmuck bildet. Zum Ende des Jahrhunderts treten plastisch
reliefierende Fruchtgehänge auf. Rocaillewerk, Volunten und Fruchgehänge sind Formen,
die auch in der christlichen und profanen Kunst weite Anwendung finden. Schon vereinzelt im 17. Jahrhundert, dann aber mit stark zunehmender Tendenz
werden die archetypischen Inschriftsteine stärker bildhauerisch dekoriert. Die seitlichen
Rahmenbänder werden als Pilaster oder als Säulen gestaltet, die Bogenfelder mit
bildnerischem Schmuck, mit symbolischen Ornamenten gebildet. Am Anfang des 19.
Jahrhunderts werden die jüdischen wie die christlichen Grabsteine wieder spartanisch
einfach. Diese Tendenz entspricht dem zeitgenössischen Stil, dem Klassizismus, der sich
gegen alles Barocke, gegen die durch Üppigkeit verwilderten Formen wendet. Die
Rückbesinnung auf die Urform der Kunst bringt den Archetyp des jüdischen Grabsteins
wieder stärker zum Vorschein: den Inschriftenstein mit dem eingezogenen Rundbogen als
oberen Abschluß und Bekrönung.Die Emanzipationsbestrebungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
fanden auch in der Grabmalskunst einen unmittelbaren Ausdruck. Viele der aus dieser Zeit
erhaltenen Grabsteine zeigen eine mehr oder weniger den christlichen Steinen angepaßte
Form. Sie erhielten vor allem in den Städten die denkmalhaften eben und die
antikisierende oder gotisierende Stele mit entsprechenden Verdachungsprofilen aus der
christlichen Tradition.Da den Juden die handwerklichen Berufe erst im 19. Jahrhundert geöffnet
wurden, mußten sie über Jahrhunderte ihre Grabsteine meist bei nichtjüdischen,
christlichen Steinmetzen anfertigen lassen. Der Auftraggeber hatte dafür zu sorgen, daß
die Verbote seines Glaubens und die Wünsche seiner Väter genau beachtet wurden. Deshalb
ist die Kunst, wenn sie zur Anwendung kam, stilistisch identisch mit der allgemeinen
Kunst. Sie ist nur dem Inhalte nach anders als die christliche Kunst.Es ist jedoch nicht die Kunst, die den Denkmalschutz für die Friedhöfe
begründet, sondern die besondere Kultur, die religiös begründete Sitte, die in jedem
Friedhof anschaubar und erlebbar wird.
7. Die Grabinschriften
Die auf jüdischen Friedhöfen erhaltenen Grabsteine sprechen zu uns, doch
bleibt den meisten Betrachtern ihr Reden unverständlich. Es genügt nicht, die Hemmnisse
der hebräischen Schrift und Sprache zu überwinden. Die hebräische Epigrafik
(Inschriftenkunde) hat ein eigenes System von idiomatischen Ausdrücken und Abkürzungen
geprägt, die erst entschlüsselt werden müssen.Die Grabsteine müssen Inschriften tragen. Es können knappe oder ausgiebig
Berichtende und Preisende sein. Alles was über die notwendigen persönlichen Daten und
Angaben hinausgeht, stammt aus biblischen und frühnachbiblischen Vorlagen. Auch waren die
Inschriften nicht immer hebräisch abgefaßt, sondern griechisch oder lateinisch. Erst
seit dem 8./9. Jahrhundert setzte sich das Hebräische wieder durch und blieb für gut
1000 Jahre in ganz Europa vorherrschend. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an verlor es
in Deutschland rasch an Boden.Der hebräische Text der Grabsteine weist ein relativ einheitliches
Grundschema auf. Die Inschrift beginnt meist mit der Abkürzung "pej nunpej tetdies
ist ein Mal zu Häupten Zeuge sei dieser Steinhaufen, ein Zeuge sei dieses
Steinmal geliebt und gut in ihrem Leben, sind sie im Tode nicht getrenntNach der Einleitung folgt die Eulogie, ein Lob- und Segensspruch, in den
allermeisten Fällen ohne konkrete Daten aus dem Leben der Einzelnen. Das Lob bezieht sich
auf den sozialen und religiösen Bereich. Äußere Erfolge treten dann in Erscheinung,
wenn sie Auswirkungen auf die Toragelehrsamkeit, Wohltätigkeit und Gastfreundschaft
haben.Wurde der Name nicht gleich zu Beginn genannt, so folgt er jetzt: Name,
Vatersname, bei verheirateten Frauen dazu der Name des Ehemannes, möglicherweise ergänzt
durch den bürgerlichen Namen in hebräischer Schreibweise. Daran schließt sich das
Todes- und Begräbnisdatum an. Die Inschrift endet mit dem Segensspruch: "Ihre/seine
Seele sei eingebunden in den Bund des LebensUnd wenn sich ein Mensch erheben wird, dich zu
verfolgen und dir nach dem Leben zu trachten, so soll das Leben meines Herrn eingebunden
sein im Bündlein der Lebendigen bei dem Herrn, deinem Gott, aber das Leben deiner Feinde
soll er fortschleudern mit der Schleuder.", wiedergegeben durch die Anfangsbuchstaben
der fünf hebräischen Wörter (T.N.Z.B.H. = Tehi Nafscho Zeruah Bizior Hachaijm). Das
Grundschema kann vielfältig variiert oder ergänzt werden. Vor allem kann es verschieden
mit Text gefüllt werden: beschränkt auf die gängigen Formeln oder neu
zusammengesetzt aus biblischen Zitaten und nachbiblischen Anspielungen aus der Tradition.Die Grabinschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance enthalten in der
Regel folgende Angaben: Den Namen des Verstorbenen und gewöhnlich auch den seines Vaters,
eventuell auch seine Zugehörigkeit zum Priestergeschlecht der Kohanim (Kohen pl. Kohanim)
oder zum Levitenstamme (Levi pl. Leviim).Das gilt nicht für Frauen, bei denen die Zugehörigkeit zu einem Stamm oder
Geschlecht nicht verzeichnet wurde. Ferner findet man bei Männern den Titel des
Verstorbenen und gegebenenfalls auch seines Vaters, z.B. Rabbi, der Gelehrte, der Vornehme
usw.Im weiteren Text finden sich lobende Epitheta und bei hervorragenden
Persönlichkeiten Aufzählungen der Ämter, die sie bekleideten und ihre Verdienste um die
Gemeinde. Bei Gelehrten und bekannten Rabbinern werden ihre Schriften angeführt. Den
Abschluß des Epitaphs bilden im allgemeinen Segnungen und Wünsche, die sich auf das
Leben nach dem Tod beziehen.Ein wichtiger Bestandteil jeder Inschrift ist das Datum, das sich bei den
älteren Texten am Ende befindet. Von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an wird
zuweilen das Datum an erster Stelle angeführt, was später, vom 17. Jahrhundert an, zur
Regel wird. Diese Angaben bilden allerdings nur die Grundlage des Textes, der sich
erweitert und mit Vergleichen und Bildern bereichert wird, so daß man die Grabinschriften
als eine eigene Gattung der hebräischen Poesie betrachten darf. Das Datum besteht aus der
Jahreszahl, dem Namen des Monats, der Angabe des Tages im Monat und öfters auch der
Angabe des Wochentages. Für die Wochentage hat das Hebräische keine eigenen Namen. Sie
werden mit Ordnungszahlen benannt. Der Sonntag ist der Erste Tag, "Jom Rishon"
der Samstag der siebente Tag, der "Schabbat Ein vollständig angeführtes Datum
lautet zum Beispiel: den vierten Tag der Woche (Mittwoch), den 2. Nissan des Jahres 303
(nach der kleinen Zählung).Charakteristisch für die Grabinschriften sind die Segenssprüche für das
Fortleben der Seele nach dem Tode. Am häufigsten begegnen wir der Formel: "Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens" Diese Abkürzung findet sich vielfach
auch dann auf den Grabsteinen, wenn der Text nicht auf hebräisch geschrieben ist. Nur
selten werden sie voll ausgeschrieben. Gelegentlich finden sich auch andere
Formulierungen: "Mit allen Seelen der Reinen sei seine Seele eingebunden im Bunde des
Lebens bei dem Herrn, dem Gott des Himmels" "Seiner Seele sei gedacht in der
kommenden Welt Seine Seele erwerbe(?) sich das Leben in Ewigkeit"_ Aus all diesen Segenssprüchen spricht der feste Glaube an die Fortdauer des Lebens nach
dem Tode. Ältere Inschriften auf den Gräbern von Märtyrern hingegen rufen oft nach
Rache. "Der Herr räche sein Blut! Der Herr der Vergeltung räche es an
ihnen!"Ausdrücke wie "Tod Sterben er ging fort er begab sich
fort" Es finden sich auch Formulierungen wie "er ward hingenommen ... und
er ward eingesammelt zu seinem Volk" Häufig wird der Tod aufgefaßt, als sei die
Seele irgendwohin fortgegangen: "Seine Seele ging von dannen in Heiligkeit und
Reinheit" Poetischer ausgedrückt: "Ihre Seelen stiegen empor in die Wohnsitze
der Höhen". "Seine Seele kehrte zurück zum Herrn".Den größten Raum auf den alten Inschriften nimmt die Lobpreisung der guten
Eigenschaften und Werke des Verstorbenen ein. Unterschiedlich sind jedoch die
Eigenschaften, die man bei Frauen und Männern hochschätze. Bei den Männern hob man
Treue, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit hervor - vor allem im Handel - wie auch
Bescheidenheit und Zuverlässigkeit. Neben den Charaktereigenschaften wurden auch Vorzüge
des Intellekts gerühmt: Weisheit, Einsicht, Bedachtsamkeit, Klugheit und Beredsamkeit. In
vielen Redewendungen spiegelt sich auch das Verhältnis des Verstorbenen zu seinen
Nächsten wider ("Er war ein Mann des Friedens". Das Äußere wird nur ganz
selten erwähnt."Die Inschriften der Frauen loben vor allem die guten Eigenschaften der
Verstorbenen. Sie wird als "züchtig" "würdig"
"rechtschaffen" "rein" "zuverlässig hold Die
Liebliche Die Schöne" Seltener wertet man die geistigen Fähigkeiten. Im
Verhältnis zu den Mitmenschen wird in erster Linie Ehrlichkeit und Redlichkeit gepriesen.
"Im religiösen Bereich sprechen die Inschriften der Frauen wie der Männer
von Frömmigkeit, Gottesfurcht, Innigkeit der Gebete und dem häufigen Besuch der
Synagoge.
8. Inschriften im deutschen Sprachbereich
Die im deutschen Sprachbereich erhaltenen jüdischen Grabsteine tragen vom
frühen Mittelalter an hebräische Inschriften. Schon auf den ältesten uns bekannten
Steinen finden sich Formeln und Lobsprüche, die bis in die Gegenwart hinein verwendet
werden. Neben dieser hebräischen Eulogie, dem Lob der Verstorbenen, treten im Laufe des
19. Jahrhunderts auch deutschsprachige Angaben hinzu: Name und Lebensdaten nach der
christlichen Zeitrechnung. Diese Daten wandern allmählich von der Rückseite des Steines,
wo sie zunächst zu finden sind, nach vorne unten und drängen, oft durch Sinnsprüche und
Verse erweitert, das Hebräische immer mehr zurück, bis es völlig verschwindet oder nur
in Formeln überlebt.Das Hebräische verschwand, weil es kaum noch jemand richtig zu lesen und zu
schätzen vermochte. Es rettete sich in standardisierte Abkürzungen für das obenstehende
"Hier ist begraben". Für einen sehr begrenzten Zeitraum, etwa kurz vor der Mitte des 19.
Jahrhunderts, werden beide Seiten der Steine gleichrangig benutzt. Die alten ehrwürdigen
Wendungen und Lobpreisungen werden auch in deutscher Sprache zum Ausdruck gebracht. Auf
den ersten Blick scheinen die Inschriften identisch zu sein. Doch der deutsche Text
wiederholt nicht einfach den hebräischen, sondern er drückt ihn auch anders aus. Die
hebräischen Sätze sind häufig aus Bibelzitaten zusammengestellt. In den deutschen
Texten werden die biblischen Redewendungen dem Zeitgeschmack angeglichen. Die
"tüchtige Frau biedere Frau Gazelle der Anmut prägt, als von dem,
womit sich Geist und Seele über Jahrhunderte befaßt haben.Diese Zweisprachigkeit erforderte eine gewisse geistige und sprachliche
Mühe. Hinzu kam der materielle Aufwand. Dies war sicherlich nicht für jeden Verstorbenen
von den Hinterbliebenen zu leisten gewesen.Der Übergang vom Hebräischen zum Deutschen ging nicht in allen Gebieten und
Gemeinden zeitgleich vor sich. Es gab zeitliche Verschiebungen von Region zu Region, von
Ort zu Ort und von Familie zu Familie. Zugleich unternahm man den Versuch, die
traditionell-jüdischen Inhalte der Inschrift ins Deutsche zu übertragen. Dieser Versuch
wurde bald aufgegeben. An die Stelle der ursprünglichen Formulierungen traten die in der
christlichen Umwelt üblichen Attribute: Verwandtschaftsbeziehungen, Gefühle der
Hinterbliebenen, berufliche Stellung. Außerdem wurden Tod, Trauer, Trost, Lob und Klage
immer privater und damit nicht mehr Gegenstand öffentlicher Inschriften. Eine Ausnahme
machten dabei nur einige orthodoxe, d.h. "gesetzestreue Diese Reduzierung der Inschrift auf die reinen persönlichen Daten wäre den
Juden des Mittelalters und der frühen Neuzeit völlig unverständlich gewesen. Für sie
bestand der Sinn eines Grabsteins darin, Identität durch die Erinnerung an den
Bestatteten in seiner Abfolge der Geschlechter zu erhalten. Der völlige Verzicht auf mehr
als die Nennung nur eines Namens war unvorstellbar. Das Judentum sei, so hat man gesagt,
die "Religion des guten Gedächtnisses" und es ist daher verständlich, wenn es
Wert darauf legt, seine Grabstätten so lange als irgend möglich zu erhalten und wirklich
jedem und jeder Toten ein Denkmal aus Stein setzen zu lassen - auch Ausdruck der
Kostbarkeit des einzelnen Lebens und der Lebenskraft einer kleinen und bedrängten
Minderheit.Vom Mittelalter bis in die Neuzeit wurde bei allen regionalen und
chronologischen Unterschieden erstaunlich kontinuierlich formuliert, so das sich gewisse
Grundmuster gleichen. Es gibt einen Formel- und Zitatenschatz, der sich als festes Gerüst
bewährt hat. Hinzu tritt die Freiheit des Formulierens, Variierens und Kombinierens.
9. Der Aufbau einer Inschrift
Nach dem Hinweis auf den Ort, das Grab, den Stein folgt die Angabe, ob es
sich bei dem Begrabenen um eine Frau oder einen Mann handelt. Es folgt dann die Eulogie,
die Lobrede, die unterschiedlich lang und ausführlich sein mag. Sie kann sich auf zwei
Worte beschränken, kann aber ebenso zehn Zeilen lang sein. Wenn auch die Lobreden für
herausragende Frauen nicht ganz so lang ausfallen wie für solche Männer, so kommen die
Frauen insgesamt nicht zu kurz. Nach der Eulogie folgt die namentliche Nennung des
Verstorbenen. Frauen werden über die Väter, und wenn verheiratet, über ihre Gatten
bestimmt, bei den Männern wird nur der Name des Vaters angegeben. Da fast allen Toten,
und nicht nur den angesehensten in der Gemeinde, Grabsteine gesetzt wurden, läßt sich
aus den Inschriften der Steine eines Friedhofs häufig die Zusammengehörigkeit wieder
rekonstruieren. Doppelgräber für Mann und Frau bzw. Familiengruften werden erst seit dem
18. Jahrhundert häufiger. Die Beifügung der Väter- resp. Gattennamen war wichtig in
einer Zeit, da die Juden noch keine Familiennamen trugen. Diese wurden in Preußen erst
nach 1808 gesetzlich vorgeschrieben. Mit dem Aufkommen von deutschen Inschriften fällt
die Definition über den Namen des Vaters fort. Es wird neben dem Vornamen der
Familienname genannt.Die noch bekannte christlich-bürgerliche Sitte zu schreiben: Frau August
Meier, geb. Gans findet sich selbst bei sehr stark assimilierten Juden nur selten,
zumindest wird der Vorname beim ursprünglichen Familienname mitgenannt: Frau Salomon
Windmüller, Egline geb. Oster.Zweisprachige Inschriften auf den Steinen geben gerade bei Frauen oftmals
einen kleinen Einblick in die Privatsphäre. In der hebräischen Inschrift findet sich im
Text die häuslich-familiäre Ruf- oder Koseform des Namens, während in den deutschen
Inschriften sich stets der korrekte offizielle Namen findet.Nach der Nennung des Namens wird das Todesdatum eingefügt. Es ist
altjüdischer Brauch, die Toten so schnell wie möglich zu bestatten. Man wollte mögliche
Gefahren durch die Verwesung, vor allem in heißen Klimazonen, vermeiden, machte es aber
auch wegen der Ehre der Verstorbenen, die ein "Übernachtenlassen Das Datum des Todes ist in der hebräischen Inschrift selbstverständlich
ganz nach dem jüdischen Kalender geschrieben. Eine Nennung des Geburtsdatums war früher
nicht üblich. Mit der allmählichen Verbreitung einer deutschen Inschrift auf den Steinen
wird wie selbstverständlich das bürgerliche Datum verwendet, wobei auch das Geburtsdatum
genannt wird.Das Schema der Inschrift schließt auf jeden Fall mit einer Segensformel ab,
die kurz oder lang ausfallen kann. Von vielen im Mittelalter üblichen Varianten, ist nur
eine, die schon erwähnte, übrig geblieben: "Ihre/seine Seele sei eingebunden in den
Bund des LebensÜber die Jahrhunderte hinweg sind die Inschriften keineswegs immer gleich
geblieben. Sie haben sich in ihrem Stil den Zeitläufen angepaßt, waren knapper und
nüchterner im Mittelalter als im wort- und ruhmesreichen Barock und nahmen mit Beginn des
19. Jahrhunderts an Länge und Formulierungskunst wieder ab. Bei aller Formelhaftigkeit
dringt aber immer wieder die ganz persönliche Trauer, die Liebe und das Lob auf den
Verstorbenen durch die Texte hindurch.Die Friedhöfe in Westfalen und am benachbarten Niederrhein verfügen nicht
über die Fülle und Vielfalt kunstvoller Inschriften wie die alten Zentren jüdischer
Gelehrsamkeit und Frömmigkeit in Osteuropa. Doch findet sich auch hier viel Interessantes
und Beachtenswertes; und Geschichten könnten sie alle erzählen.
Die Formel:Dies ist der Gedenkstein von...
Dieses Mal zu Häupten...Hier ist begraben (verborgen)...
eine angesehene,..., Frau...
ein gottesfürchtiger,..., Mann...(es folgt die Lobrede)Es ist Herr/Frau...
Name..., Tochter des Herrn..., Gattin des Herrn... oder Gattin des...,
Tochter des.../der... Name..., Sohn des Herrn...
Er/Sie ging hin in seine/ihre Welt (Ewigkeit) am...
Er/Sie starb am...
Gestorben und begraben am...Hier ist verborgen
Der Toragelehrte Herr Jizchak,
Sohn des Toragelehrten Schlomo Zvi Hakohen
Geboren am Ausgang des Schabbat, dem Zweiten Tag Neujahr 571
Eingegangen in seine Ewigkeit am 4. Tag Mittwoch, dem Vorabend des
Neujahrs 646 und Begraben am 1.Tag Sonntag
Guten Lohn hat sein Wirken und Hoffnung gibt es für seinen Jüngsten Tag
Wohltätig war er, Grosszügigen HERZENS, seiner Seele zum Verdienst
Gutes vergalt er seiner Gefährtin, der Gerechten, der Gattin seines Bundes
Die Versammlung seiner Gemeinde und der Stadt seines Wohnsitzes leitet er in
rat und Weisheit
Einen Namen, Besser als Söhne und Töchter, erwarb er sich zur
Ehre seines Schöpfers
Dem Lehrer-Seminar zu Köln stiftete er segen aus seinem Vermögen
mit seiner Kehle ehrte er den Herrn in Chören mit Lauterer und Reiner Zunge
Früh und spät am jedem Tag setzte er zeiten fest zum Studium der Lehre
Die Krone der Tora, des priestertums und des guten namens waren
auf seinem haupte in wohlgefallen stets verbunden
die lieblichkeit seines Wohltuns stehe uns bei in alle ewigkeit
seine seele sei eingebunden in das bündel des LebensHier ist verborgen
die angesehene und fromme frau, frau esther, tochter des herrn
jehuda hakohen, gattin des toragelehrten Herrn jizchak hakohen
sie stieg auf zur höhe am 17.schewat 654
gattin eines kohen, zierde IHRES gatten - hoffnung gibt es für ihren
jüngsten tag
es trauerten und klagten die vorübergehenden: wir alle haben mit ihrem
verlust verloren
alle tage des lebens erwies sie dem gatten ihrer jugend gutes
hungrige sättigte sie mit brot, verbitterte erquickte sie mit dem
honig ihrer worte
sie wußte ihrem schöpfer wohlgefällig zu sein mit ihrem gebet morgens
wie abends nach brauch und sitte
das haar ihres hauptes verbarg sie züchtig, dass es sich nicht
beim ausgehen zeigte
goldgeschmeide und silberreif stiftete sie, um die säulen der tora zu
stützen
geschlecht um geschlecht soll ihre taten loben, ihr lob werde mit
lauter zunge verkündet
sie errichtete sich zeichen und namen in den toren, von der halacha
ausgezeichnet
als kohenet geboren, ward sie einem kohen zugeführt, darum auch sind ihre
hände zum segen ausgebreitet
siehe ebenso wird sie gesegnet sein und ihr verdienst auf alle
ewigkeit bestehen
die lieblichkeit des ewigen erschaue sie und tue uns allen fürsprache in den
himmelshöhen
ihre seele sei eingebunden in das bündel des lebens
10. Die Symbole.
Auf den Grabsteinen jüdischer Friedhöfe findet sich eine Vielzahl von
Symbolen. Insbesondere zeichnen sich die Begräbnisplätze des osteuropäischen Judentums
durch ihre reiche Bilderwelt aus. Im deutschsprachigen Raum sind die Darstellungen weniger
variantenreich. Doch gibt es eine Reihe von Zeichen und Symbole, die im gesamten Judentum
verbreitet sind. Die jüdische Religion verbietet die Abbildung menschlicher Gestalten,
sie sind daher auf Grabsteinen nur sehr selten zu sehen. Als Ornamente finden sich häufig
Pflanzenmotive, Tiere, mit dem Kult oder dem Beruf des Verstorbenen verbundene
Gegenstände und auch allgemeine Symbole des Todes wie sinkende Schiffe, verlöschende
Fackeln, abgeknickte Blumen, abgebrochene Bäume oder Säulen. Viele dieser letztgenannten
Zeichen finden sich auch auf christlichen Friedhöfen, wurden von dort im Rahmen der
Emanzipation und der Assimilierung übernommen. Sie entstammen oft der antiken
Vorstellungswelt und wurden durch den Klassizismus allgemein beliebt. Da die Frauen keine
allgemeinen Aufgaben im religiös-rituellen Bereich wahrnehmen durften und auch keine
Berufe ausübten, finden sich auf ihren Steinen keine funktional bezogenen Symbole, mit
Ausnahme des Leuchters als Hinweis auf die Schabbatlichter, die von der Frau entzündet
werden. Diese Darstellung ist jedoch weitgehend auf Osteuropa begrenzt.Die rein jüdischen Symbole und Ornamente nehmen Bezug auf Herkunft und
Funktion der Verstorbenen. Zeichen, die sich eher auf Vergänglichkeit, Leid, Tod oder
auch das Leben beziehen, finden auf Grabsteinen weniger Verwendung. Die Welt dieser
Symbole und Ornamente ist von der der klassizistischen ganz verschieden. Alles bleibt auf
das Leben der Verstorbenen bezogen, mehr oder weniger individuell. Die im
christlich-bürgerlichen Bereich einsetzende Rückbesinnung auf das Erbe der Antike
brachte bei der Symbolik einen einschneidenden Wandel. Viele dieser Symbole sind
universeller Art, das Leben, den Tod allgemein darstellend: Ehrenkränze, Sanduhren,
Genien, nach unten zum Verlöschen gerichtete Fackeln, Efeuranken, Urnen, Schmetterlinge,
gebrochene Säulen.Das Zeichen der Priestergräber sind die segnenden Hände mit den gespreizten
Fingern, bei denen Daumen und Zeigefinger sich berühren. Genau genommen handelt es sich
bei den Bestatteten nicht um Priester, sondern um Nachkommen der Priesterschaft aus der
Zeit des Tempels (die Zugehörigkeit ist erkennbar an Namen wie Kohn, Kahn, Katz etc.).
Mit erhobenen Händen segnen die Kohanim die Gemeinde mit dem "aronitischen
Segen. Es
segne dich der Ewige und behüte dich, es lasse der Ewige sein Antlitz dir leuchten und
gebe dir Gunst, es wende der Ewige sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden ... und sie
sollen meinen Namen auf die Kinder Israels legen, und ich werde sie segnen.",
einstmals täglich im Tempel, heute beschränkt auf Festtage und feierliche Anlässe. Doch
seit der Zerstörung des Tempels üben sie keine weiteren kultischen Handlungen mehr aus.
" Die Gräber der Leviten, der Priestergehilfen, werden durch einen Krug bzw.
eine Kanne, die Levitenkanne, symbolisiert. Die Leviten hatten im Tempel u.a.
Reinigungsaufgaben wahrzunehmen. Ihre Nachkommen tragen oft Familiennamen wie Levi, Lewin,
Löwe, Löwenthal o.ä. Die Kanne, auch in Verbindung mit einer Wasserschale, wird in
verschiedenen Varianten dargestellt.Der Davidstern, ein altes Symbol, das aus verschiedenen Kulturen bekannt ist,
diente seit alters her als magisches Zeichen. Im Mittelalter nahm die Prager Gemeinde den
Stern als Zeichen in ihr Wappen auf. Seit dem 18. Jahrhundert wird er zu dem Symbol des
Judentums und kennzeichnet fortan viele Grabsteine.Die abgeknickte Blume oder der Baumstumpf sind auch im Judentum Symbole für
die Endlichkeit des Lebens; oft auch ein Zeichen dafür, daß der Verstorbene aus der
Blüte seines Lebens gerissen wurde. Diese Symbole finden sich auch auf christlichen
Friedhöfen, von denen sie wohl übernommen wurden.Die Rabbiner oder Lehrer werden mit einem Buch als die Schriftgelehrten
gekennzeichnet. Hin und wieder findet sich dieses Symbol auch bei Kantoren.Den Schreiber der Tora kennzeichnet eine Hand, die den Gänsekiel hält, aber
auch Bücher.Die Krone ist das Zeichen der Tora. Die Torarolle in der Synagoge ist
entweder mit zwei kleinen oder einer großen Krone geschmückt. Die Krone kann aber auch
das Oberhaupt einer Familie bezeichnen. Häufig wurde sicherlich an einen Vers aus den
Sprüchen der Väter gedacht: "Drei Kronen können den Menschen zieren: die Krone der
Tora, des Priestertums, des Königtums, aber die des guten Namens überragt alle dreiEin Messer auf dem Stein zeigt an, daß der Verstorbene das ehrenvolle Amt
des Mohels, des Beschneiders innehatte. Manchmal ist auch eine Hand zu sehen, die das
Messer hält.Die Rose ist kein rein jüdisches Zeichen. Sie findet sich sehr viel auch auf
christlichen Grabsteinen. Häufig markiert sie das Grab eines früh verstorbenen
Mädchens. Die Rose spielt in ihrer symbolischen Bedeutung eine besondere Rolle. Sie ist
auch eines der häufigsten Motive auf vielen Gegenständen jüdischer Ritualkunst wie
Chanukka- und Schabbatleuchter.Das Grab einer Frau schmückte man oft mit einem Leuchter, denn es gehört zu
den Aufgaben der Frau, die Schabbatlichter zu entzünden. Auf vielen osteuropäischen
Friedhöfen hatten die Frauen wie in den Synagogen eigene Bereiche. Bei einem Mann dachte
man sicherlich an den Vers: "Eine Leuchte Gottes ist die Seele des MenschenDer Schmetterling gilt als Zeichen der Vergänglichkeit, des flüchtigen
Lebens, symbolisiert aber auch die Unvergänglichkeit, die Verwandlung zu einem neuen
Leben. Von seinem Ursprung her ein antik-hellenistisches Symbol, wurde es im späten 18.
Jahrhundert wieder beliebter. Der Schmetterling als Sinnbild der Psyche symbolisiert die
in verschiedenen Metamorphosen beständige "unsterbliche Der Mann, dessen Grabstein mit einem Schofarhorn geschmückt ist, blies zu
Neujahr und zum Versöhnungsfest das Schofar. Es ist eine schwierige Aufgabe, zugleich
aber eine große Ehre.Zwei schnäbelnde Tauben gelten als Zeichen inniger Liebe.Das Tier steht häufig für die Versinnbildlichung des Vor- bzw. des
Familiennamens der Verstorbenen. Der Löwe ist das Namenszeichen für Ari und Loeb (Leib),
der Hirsch für Zwi und Hersch, der Bär für Dow und Ber und die Taube für Jona. Der Weinstock oder die Weinreben symbolisieren ein erfolgreiches Leben des
Verstorbenen.Ein in der jüdischen Kunst häufig anzutreffendes Motiv, die "Tafeln
des Bundes" die Doppeltafeln, die für die Zehn Gebote stehen, sind allerdings auf
Friedhöfen selten zu finden. Sie sind ursprünglich ein Element der christlichen Kunst
des Mittelalters. Im Christentum ist der Gedanke beliebt, die "Gebote
alter Bund"
Judentum). Man sieht hier jedoch, wie christlicher Einfluß und der Wunsch, auf die
Allgemeingültigkeit dessen zu verweisen, was das Judentum der Welt gegeben hat, die
"Tafeln des Bundes Es ließen sich weitere Symbole aufführen, die z.T. nur eine enge regionale
Verbreitung gefunden haben wie die Sanduhr auf den Grabsteinen von Amsterdamer Juden. Die
Friedhöfe des bürgerlichen deutschen Judentums, vor allem in den größeren Städten,
zeigen von der Mitte des 19. Jahrhunderts an vielfach die gleichen Motive wie auf
christlichen Friedhöfen. Die ursprünglich jüdische Grabmalskunst ist dadurch weitgehend
aufgehoben worden.Auf jüdischen Friedhöfen selten anzutreffen sind vollplastische
Darstellungen, zumal von Menschen. Sie sind im religiösen Bereich selbst bei
reformerischen und assimilierten Kreisen des 19. Jahrhunderts eine Ausnahme. Erste
Auseinandersetzungen, ob es erlaubt sei ein Bild oder eine Fotografie des Verstorbenen am
Grab anzubringen gab es bereits im 19. Jahrhundert. Die liberalere Auslegung hatte keine
Probleme mit ihrer Zustimmung, da das Bild nur dazu diene, das Gedächtnis des Toten
lebendig zu halten.Die Großplastik bleibt jedoch auf jüdischen Friedhöfen stets etwas
außergewöhnliches, sieht man einmal von so weltstädtischen Friedhöfen wie Wien oder
Budapest ab. Doch finden sich auch auf wenigen Friedhöfen Nordrhein-Westfalens
eindrucksvolle plastische Darstellungen. Auf dem Friedhof zu Münster findet sich ein auch
auf christlichen Friedhöfen verbreitetes, der industriellen Produktion entstammendes
Motiv: eine junge Frau, die sich auf eine gebrochene Säule aufstützt. Die Friedhöfe in
Düsseldorf, Dortmund und Krefeld weisen dagegen einige individuelle Auftragsarbeiten auf.
Bekannte Künstler wie der Dortmunder Benno Elkan (1877-1960) und Leopold Fleischhacker
haben dort ihre Spuren hinterlassen.

11. Auswahl-Literatur zu jüdischen Friedhöfen